„Hier komme ich“

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Selbstbewusstsein durch künstlerisches Tun entdecken die Teilnehmerinnen des Seminars und ihre Anleiterinnen

Aufrechte Körperhaltung, offener Blick, die drei jungen Frauen strahlen. Mit Wiegeschritten und in Herzform aneinander gelegten Händen vor dem Körper endete gerade die selbst erfundene Choreografie von Monika, Carlotta und Lisa. Am Rande des holzgetäfelten Tanzraumes klatschen die anderen Frauen der Gruppe begeistert Beifall. Auch Tanzpädagogin Gabriele Hanak freut sich. Unter ihrer Anleitung ist innerhalb von nur einer Stunde eine Bewegungsabfolge von beachtlicher künstlerischer Qualität entstanden. Vier Tage verbringen die Frauen zusammen in einem Bildungshaus am nördlichen Rand der Eifel. Pfarrerin Katrin Wüst von der Pfarrstelle für Behindertenarbeit des evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein hat die Freizeit organisiert. Die Teilnehmerinnen eint eine Gemeinsamkeit in ihrer Lebensgeschichte: alle haben eine Schwester oder einen Bruder mit Behinderung.

"Wer bin ich eigentlich selbst?"

Raum und Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen oder sogar einzufordern, ist für Monika und die anderen ungewöhnlich. Das Zusammenleben mit einem behinderten Geschwisterkind fordert den Einsatz der gesamten Familie und sie leisten dazu selbstverständlich ihren Beitrag. Sie helfen wo sie können. Eigene Bedürfnisse stehen dabei schon mal hinten an. Das Seminar mit dem Titel „Hier komme ich!“ ist deshalb eine besondere Herausforderung. „Wer bin ich eigentlich selbst, was kann ich, welche Träume möchte ich in meinem Leben verwirklichen?“ Die jungen Frauen beschäftigen sich mit für sie ungewohnten Fragen und finden Antworten im Tanz und der Malerei.

Farbige, großformatige Malereien leuchten von den Wänden des Tanzraumes. Ausgehend von einer experimentellen Papierskulptur und Zeichnungen haben sich die jungen Frauen mit der Künstlerin und Kunstpädagogin Sabine Lucke auf die Suche nach ihrem Motiv gemacht. Dabei sind sehr individuelle und ausdruckstarke Bilder entstanden. „Ich erfahre hier, dass ich noch mehr als helfen kann“, sagt die 25-jährige Hannah. Ihr gefällt der spielerische, forschende Umgang mit der Kunst. „Meine Ansprüche stehen mir nicht im Weg, es entsteht was Tolles, ohne dass ich mich anstrengen muss. Das ist neu für mich.“ In den Gesprächen über die Zeichnungen wird deutlich, dass jede mit einem anderen Blick in die Welt schaut und dabei alle Sichtweisen wichtig sind.

Pfarrerin Katrin Wüst ist begeistert. „Angeregt durch das Tanzen und Malen haben Selbstbewusstsein, Offenheit und aufrechte Körperhaltung bei den Frauen enorm zugenommen.“ Teilnehmerin Hannah freut sich, dass sie als Ältere den Jüngeren ihre Erfahrungen vom Leben mit einem behinderten Bruder weitergeben kann. In den Pausen und abends am Lagenfeuer drehen sich die Gespräche natürlich auch um Persönliches. „Diese Möglichkeit hätte ich als Jugendliche auch gerne gehabt“, so Hannah. Auf jeden Fall wollen die jungen Frauen nach der Freizeit weiter in Kontakt bleiben. „Im kommenden Jahr muss es wieder eine Freizeit für uns geben“, so die einhellige Meinung. Und das ist keine schüchterne Bitte, sondern eine klar formulierte Forderung.