„Es ist normal, verschieden zu sein"

Foto: Ev. Kirchengemeinde Beuel

Nommensen-Kirche (Beuel-Ost)

Gefordert, gefördert, umstritten: Inklusion ist ein kontroverses Thema, etwa in Schulen. Dabei geht es „nur" darum, dass alle Menschen, ob mit oder ohne Einschränkungen oder Behinderungen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können - auch in der Kirche. Wie das gehen kann, zeigen Gemeinden in unserem Kirchenkreis. Pfarrerin Bettina Gummel berichtet im Interview von den langjährigen positiven Erfahrungen in Beuel-Pützchen.

Was hat Sie bewogen, in Ihrer Gemeinde „inklusiv" zu arbeiten?
Die Evangelische Kirchengemeinde Beuel hat beim Bau des neuen Gemeindezentrums Nommensen - Kirche in Pützchen (1986 eingeweiht) schon im Blick gehabt, dass im Pfarrbezirk eine größere Einrichtung für Menschen mit Behinderungen (Therapiezentrum) geplant war. So ist das Gemeindezentrum barrierefrei gebaut worden inklusive einer rollstuhl-gerechten Toilette. Bei der Ausschreibung zur Besetzung der Pfarrstelle war die Aufgabe „gemeindenahe Behindertenarbeit“ schon enthalten. Deshalb ist hier von Beginn an inklusiv gearbeitet worden und Menschen mit Behinderungen gehören selbstverständlich mit zur Gemeinde - egal, welcher Konfession bzw. Religion sie angehören.

Welches Projekt liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?
Vor 29 Jahren ist die „Freizeitgruppe für behinderte und nicht-behinderte Erwachsene“ entstanden, zu der rund 30 Personen gehören. Die Freizeitgruppe ist das Kernstück unserer Arbeit, das in viele andere Bereiche der Gemeindearbeit und der Vernetzung im Ortsteil ausstrahlt. Es beteiligen sich dort auch Menschen, die ansonsten kaum den Weg in die Gemeinde finden würden. Bei den nicht-behinderten Menschen reicht die Altersspanne von 17 bis 91 Jahren, es ist also auch eine generationsübergreifende Gruppe.

Inzwischen nehmen an jedem normalen Sonntagsgottesdienst Menschen mit Behinderung teil, ebenso an besonderen Gottesdiensten wie Weltgebetstag und großen Feiern wie Gemeindefest und Pützchens Markt. Wichtig ist dabei, dass Menschen mit Behinderung nicht nur zu den Teilnehmenden, sondern auch zu den ehrenamtlichen Mitarbeitenden zählen, die beim Getränkeausschank oder beim Eine-Welt Stand mitarbeiten.

Dieses selbstverständliche Miteinander in der Gemeinde ist für alle Beteiligten sowie für das Leben in unserem Ort eine große Bereicherung.

Wie hat sich Ihre Gemeinde durch die „inklusive" Arbeit verändert?
Zu Beginn hatten viele traditionelle Gemeindeglieder Berührungsängste.

Inzwischen ist der Umgang miteinander normal geworden, weil man sich kennt. Und weil es normal ist, dass Menschen mit Behinderungen im Gemeindeleben präsent sind, trauen sich auch traditionelle Gemeindeglieder, die im Alter auf einen Rollator oder einen Rollstuhl angewiesen sind, weiter aktiv teilzunehmen. Auch dementiell erkrankte Menschen bleiben - möglichst lange - Teil der Gemeinschaft. Niemand braucht sich zu schämen. Es ist normal, verschieden zu sein.

Welchen Tipp können Sie Gemeinden geben, die sich auch in diesem Bereich engagieren wollen?
Man muss es wollen.
Man muss Geld in die Hand nehmen.
Man muss bereit sein, sich auf neue Erfahrungen einzulassen.

Text: Dr. Benjamin Härte